Vom Pflaster zur Wahlurne: Wie sich die FGFC neu erfunden hat
2017 stellte die FGFC ihre eigenen Strukturen infrage. Neun Jahre später stehen historische Wahlen an. Dazwischen liegt ein Reformprozess, der die Gewerkschaft grundlegend verändert hat – organisatorisch, politisch und im Verhältnis zu ihren Mitgliedern.
Alles begann mit einem Pflaster. Es stand 2017 symbolisch für eine unbequeme Frage: Ist das, was jahrzehntelang funktioniert hat, auch die richtige Antwort auf morgen?
Die FGFC stellte sich selbst auf den Prüfstand. Nicht, weil ihre seit 1912 gewachsene Geschichte falsch gewesen wäre, sondern um ihre Stärke in eine veränderte Arbeits- und Gesellschaftswelt zu übertragen.
Nach der Veranstaltung vom 9. Mai 2017 entstand das GoTeam. Bevor Strukturen verändert wurden, investierte die FGFC in Menschen: mit Schulungen, Coachings und Workshops zu Kommunikation, Führung, Konfliktlösung und strategischem Denken. Dass dieser ergebnisoffene Prozess möglich wurde, war keineswegs selbstverständlich. Die damalige Exekutive, das Comité directeur und der Kongress hatten den Mut, bestehende Strukturen grundsätzlich hinterfragen zu lassen.
Heute zeigt sich, was daraus entstanden ist.
Ehrenamt stärken, Strukturen professionalisieren
Eine zentrale Erkenntnis war: Ehrenamtliches Engagement funktioniert auf Dauer nur, wenn Engagierte nicht zusätzlich mit immer mehr Verwaltung belastet werden.
Deshalb wurde das FGFC-Sekretariat um drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstärkt. Verwaltung, Beratung und Kommunikation konnten stärker professionell getragen werden. Das Bénévolat sollte nicht ersetzt, sondern entlastet werden. Eine wesentliche Grundlage dafür bilden der Einsatz und die Kompetenz des gesamten Teams des FGFC-Sekretariats, das den Wandel im Alltag mitträgt.
Auch die historisch gewachsenen Associations professionnelles wurden neu gedacht. Sie konnten sich bis 2026 vollständig integrieren und als Groupements d’intérêt weiterarbeiten oder einen eigenständigen Weg außerhalb der FGFC wählen. Der Grundgedanke: Fachwissen erhalten, Parallelverwaltung reduzieren.
Die Vereinigung der Gemeindesekretäre entschied sich letztlich für einen eigenen Weg. Gleichzeitig führt die aktuelle Exekutive Gespräche mit der Association luxembourgeoise des bachelors scientifiques des communes (ALBSC) und der Association Luxembourgeoise des Ingénieurs Directeurs et Ingénieurs Directeurs-Adjoints des syndicats de Communes (ALID) über eine engere Zusammenarbeit. Die Vernetzung innerhalb des Gemeindesektors bleibt damit Teil des Reformkurses.
Das Mitglied im Mittelpunkt
Mit der individuellen Mitgliedschaft rückt künftig das einzelne Mitglied stärker ins Zentrum – unabhängig von einer Berufsorganisation. Hinzu kommen ein einheitlicher Mitgliedsbeitrag sowie Sondertarife für Pensionierte und Auszubildende.
Drei große Bereiche sichern weiterhin die Vertretung unterschiedlicher Arbeitswelten: Administration und Finanzen, Technik und Handwerk sowie der sozio-edukative und kulturelle Bereich.
Für die 2024 angetretene Exekutive unter Präsident Claude Reuter wurden drei Grundwerte zum inhaltlichen Kompass: kommunale Identität, Proaktivität und Partizipativität.
Kommunale Identität bedeutet, selbstbewusst für das Personal des Gemeindesektors einzutreten. Wer vergleichbare öffentliche Aufgaben erfüllt, darf bei Gehältern, Sondervergütungen, Personalmanagement, Einstellungsbedingungen und anderen personalrechtlichen Regelungen nicht strukturell schlechtergestellt werden.
Proaktivität heißt, Probleme nicht erst anzugehen, wenn sie bereits entstanden sind. Partizipativität bedeutet, Mitglieder, Personaldelegationen und Berufsgruppen in die Entwicklung von Lösungen einzubeziehen.
Dazu gehört auch Selbstkritik: Die Nähe zu den Mitgliedern wurde in der Vergangenheit nicht immer ausreichend gepflegt. Vertrauen entsteht durch Präsenz, Zuhören und kontinuierlichen Austausch. Genau hier wurde in den vergangenen Jahren verstärkt angesetzt.
Vom neuen Sitz bis zur Journée communale
Eine der ersten Prioritäten der 2024 angetretenen Exekutive war ein moderner Gewerkschaftssitz. In Fennange entstand jedoch mehr als ein neues Verwaltungsgebäude.
Mit der Académie publique verfügt die FGFC heute über einen Ort für Ausbildung und Weiterbildung. Personaldelegierte können auf ihre Aufgaben vorbereitet und Beschäftigte weitergebildet werden. Damit wird ein Gedanke des GoTeam fortgeführt: Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht Wissen und die richtigen Werkzeuge.
Familienfest und Nikolausfeier schaffen zusätzlich Begegnung und Zugehörigkeit.
Einen weiteren Ansatz verfolgt die Journée communale: Personal, Personalvertretungen, Personalverantwortliche und Arbeitgeberseite arbeiten gemeinsam an konkreten Problemen. Daraus sind bereits Forderungen und weitere Arbeitsprozesse hervorgegangen. Dialog ersetzt dabei nicht die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit – er ergänzt sie.
Digitaler, sichtbarer, vernetzter
Parallel wurde die Digitalisierung vorangetrieben. Internetseite, MyFGFC und Guichet communal erweitern die Dienstleistungen. Microsoft Teams verbindet Mandatsträger, Comité directeur, Personaldelegationen und Arbeitsgruppen und ermöglicht Online-Seminare sowie künftig weitere Formen digitaler Beteiligung.
Auch die externe Kommunikation wurde ausgebaut. Mehr als 15.700 Menschen folgen der FGFC auf Facebook (Stand August 2026); hinzugekommen sind Instagram, LinkedIn und ein Podcast.
Das Ziel: schneller informieren, mehr Menschen erreichen und zugleich den persönlichen Kontakt stärken.
Unabhängig bleiben – und Verantwortung messbar machen
Ein Grundsatz blieb unangetastet: die parteipolitische Neutralität. Die FGFC muss mit allen demokratischen Kräften reden, Forderungen stellen, widersprechen und gute Entscheidungen anerkennen können – unabhängig davon, von welcher Partei sie kommen.
Bereits heute bestehen für die Exekutive besondere Anforderungen bei politischen Ämtern. Eine der noch offenen Fragen des Reformprozesses betrifft die Unvereinbarkeitsregeln: Sollten sie künftig auch auf weitere verantwortliche Funktionen innerhalb der FGFC ausgeweitet werden? Dabei geht es nicht darum, politisches Engagement infrage zu stellen, sondern darum, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit auch nach außen klar und nachvollziehbar zu gewährleisten.
Neu gedacht wurde auch die politische Verantwortung der Führung. Die Mandatsdauer der Exekutive beträgt künftig fünf Jahre. Gleichzeitig soll sie für diesen Zeitraum eine politische Vision mit konkreten Schwerpunkten vorlegen.
Damit soll nachvollziehbar werden: Was will die FGFC erreichen? Was wurde umgesetzt? Wo gab es Fortschritte – und was wurde nicht erreicht?
Diese Vision wird mit einer mehrjährigen Finanzplanung verbunden. Ein Fünfjahres-Budgetplan soll zeigen, wie politische Ziele finanziert werden. So werden Vision, Budget, Umsetzung und Rechenschaft miteinander verknüpft.
Die nächste Etappe beginnt
Der Reformprozess kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Gemeindesektor vor neuen Umbrüchen steht. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Robotik und gesellschaftlicher Wandel werden Arbeitsabläufe und Berufsbilder verändern.
Die FGFC will deshalb nicht warten, bis Veränderungen Realität geworden sind, sondern frühzeitig Lösungen entwickeln und das Personal des Gemeindesektors auf diesem Weg begleiten. Dafür braucht es neben Erfahrung und Fachwissen Menschen, die offen für neue Ideen bleiben, pragmatisch nach lebbaren Lösungen suchen und den Mut haben, auch einmal unkonventionell zu denken. Denn die Herausforderungen von morgen lassen sich nicht immer mit den Antworten von gestern lösen.
Damit mündet der Reformprozess erstmals in eine neue Form politischer Verantwortung: Die Mitglieder bestimmen den Comité directeur, aus dessen Mitte anschließend die Führung für die kommenden fünf Jahre hervorgeht.
Am 22. September 2026 bestimmen die Mitglieder die künftige Zusammensetzung des Comité directeur. Am 23. Oktober wählt das neu zusammengesetzte Gremium aus seiner Mitte die sieben Mitglieder des Bureau exécutif, die für die kommenden fünf Jahre Verantwortung für die Führung der FGFC übernehmen.
Seit 2017 wurden Strukturen modernisiert, das Ehrenamt entlastet, das FGFC-Sekretariat personell und fachlich gestärkt, Mitgliedschaft und Organisation reformiert sowie Weiterbildung, Digitalisierung, Kommunikation, Dialog und Mitgliedernähe ausgebaut. Gleichzeitig bleiben Neutralität und gewerkschaftliche Unabhängigkeit feste Grundpfeiler.
Die Reform ist damit nicht abgeschlossen. Die Grundlagen sind geschaffen, die FGFC hat sich neu aufgestellt. Jetzt geht es darum, das Erreichte weiterzuentwickeln, offene Fragen anzugehen und mit Offenheit, Mut und Gestaltungswillen die Herausforderungen von morgen anzupacken.
Denn eine starke FGFC lebt nicht allein von ihren Strukturen, sondern von den Menschen, die bereit sind, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten.