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Quo vadis, Gemengedienst?

Fast 20.000 Menschen arbeiten im kommunalen Sektor. Sie sorgen dafür, dass Verwaltungen funktionieren, Dienstleistungen erbracht und Gemeinden lebenswert bleiben. Doch Fachkräftemangel, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue gesellschaftliche Erwartungen stellen gewachsene Strukturen infrage. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob sich der Gemengdienst verändern wird – sondern wie. 

Ende 2025 arbeiteten 19.783 Menschen im kommunalen Sektor. Nur 4.858 davon waren kommunale Beamte, weitere 1.637 Employés communaux. Der weitaus größere Teil arbeitete als Salariés à tâche intellectuelle oder Salariés à tâche manuelle. 

Dahinter steckt eine Grundsatzfrage: Auf welchem Fundament soll der kommunale öffentliche Dienst von morgen stehen?

 

Gleiche Aufgaben – gleiche Spielregeln? 

Die FGFC fordert eine stärkere Harmonisierung zwischen staatlicher und kommunaler Fonction publique. Ein „régime statutaire unique de la fonction publique“ soll kommunale Besonderheiten nicht beseitigen, sondern vergleichbare Rahmenbedingungen schaffen. 

Dazu gehört die Forderung, Salariés à tâche intellectuelle in den Status des Employé communal zu überführen. Auch bei Arbeitszeiten, Bereitschaftsdiensten, Prämien und Karrierewegen bestehen Unterschiede, obwohl teilweise vergleichbare öffentliche Aufgaben erfüllt werden. 

Dass Bewegung möglich ist, zeigte 2026 die Harmonisierung der Laufbahnen C und D. Verbesserungen im Bereich C1, die Gleichstellung der Vergütung kommunaler Busfahrer im Beamtenstatut und im Régime de l’employé communal sowie die Aufwertung der Kontrolleure bleiben konkrete Forderungen der FGFC. Dazu zählen unter anderem auch die vollständige Anerkennung des Meisterbriefs in C1 sowie weitere berufsspezifische Anpassungen.

Fortschritte? Ja. Abgeschlossen? Keineswegs. 

 

Fachkräfte gesucht – eine Hürde fällt, die Grundfrage bleibt 

Beim Zugang zum kommunalen Dienst ist Bewegung entstanden. Nach fast vier Jahren wurde die épreuve d’aptitude générale abgeschafft; bestehen bleibt das kommunale Examen für die jeweiligen Laufbahnen. Damit wurde eine langjährige Forderung der FGFC umgesetzt. 

Doch angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels reicht es nicht, eine Hürde abzubauen. Die grundsätzliche Frage bleibt: Sind unterschiedliche Rekrutierungswege innerhalb eines öffentlichen Dienstes noch zeitgemäß – insbesondere dann, wenn Staat und Gemeinden um dieselben qualifizierten Bewerber konkurrieren? 

Statt sich gegenseitig Personal streitig zu machen, sollten sich die Verantwortlichen zusammensetzen und eine gemeinsame, tragfähige Rekrutierungsstrategie für den gesamten öffentlichen Dienst entwickeln. Dazu gehören für die FGFC weiterhin harmonisierte Verfahren, eine zweijährige Probe- und Ausbildungszeit ohne finanzielle Einbußen sowie die vollständige Anerkennung von Berufserfahrung. 

Doch Rekrutierung allein löst den Fachkräftemangel nicht. Kommunale Berufe verlangen spezialisiertes Wissen. Mit der Académie Publique hat die FGFC bereits eine Struktur für Aus- und Weiterbildung, Wissensmanagement und Beratung geschaffen. 

Die Kernforderung geht deshalb weiter: Der öffentliche Dienst braucht eine eigene Berufsschule, die gemeinsam mit bestehenden öffentlichen Bildungs- und Forschungseinrichtungen – etwa der Universität Luxemburg – Personal fachgerecht, berufsspezifisch und praxisnah aus- und weiterbildet. 

Wer Fachkräfte gewinnen will, muss also beides schaffen: einen einfachen Zugang zum öffentlichen Dienst und eine professionelle Ausbildung für die Aufgaben, die danach warten. 

 

100 Gemeinden – aber zwei digitale Welten? 

Digitalisierung wird zur Grundvoraussetzung eines modernen öffentlichen Dienstes. Auch die Regierung setzt auf stärker vernetzte Verwaltungen, gemeinsame Datenstrukturen, durchgängige Verfahren und künstliche Intelligenz. 

Damit stellt die FGFC eine unbequeme Frage: Kann sich ein kleiner öffentlicher Dienst dauerhaft eine staatliche und eine kommunale digitale Parallelwelt leisten? 

Die mögliche Antwort liegt nicht in einer Zentralisierung um jeden Preis. Gemeinsame Standards und Basislösungen dort, wo alle dasselbe brauchen – lokale Kompetenz dort, wo kommunale Besonderheiten eigene Lösungen verlangen. 

Das gilt etwa für Personalverwaltung, zentrale Verwaltungsanwendungen oder Bürgerzentren. Solche Grundinstrumente könnten als digitale Basisinfrastruktur für alle Gemeinden bereitgestellt werden. Denn ob große Stadt oder kleine Gemeinde: Die Qualität digitaler Verwaltung darf nicht vom kommunalen Budget abhängen. 

Gleichzeitig bleiben leistungsfähige lokale Informatikabteilungen unverzichtbar. Sie kennen die Abläufe, reagieren schnell und stellen sicher, dass kommunale Besonderheiten kommunal gelöst werden können. 

Bei KI wird die Frage noch deutlicher. Die Regierung setzt auf eine souveräne KI-Plattform mit Mistral und Investitionen von 40 Millionen Euro über fünf Jahre. Gleichzeitig entstehen technische Grundlagen, Nutzungsmodelle und Kompetenzen. 

Wenn der Staat Millionen investiert, Standards schafft und Kompetenzen aufbaut – warum sollte der Gemeindesektor dieselbe Strecke ein zweites Mal fahren? Nicht jede staatliche Lösung passt automatisch auf jede Gemeinde. Aber dort, wo Sicherheitsanforderungen, Standards und technische Grundlagen identisch sind, muss die Frage nach parallelen Entwicklungen erlaubt sein. 

 

Wo Politik aufhört – und professionelle Verwaltung beginnt 

Digitalisierung allein macht noch keine moderne Gemeinde. Ebenso entscheidend ist, wie sie geführt wird. 

Die FGFC fordert eine klare Trennung: Politik definiert Vision, Ziele und Prioritäten – eine professionelle Verwaltung sorgt für die fachgerechte administrative und technische Umsetzung. 

Wo politische Führung dagegen in Mikromanagement, permanente Kontrolle oder persönliche Interventionen in Personalfragen übergeht, verschwimmen Verantwortlichkeiten. Die FGFC hat bereits vor Fällen von Selbstherrlichkeit und Machtmissbrauch gewarnt. Gleichzeitig gilt: Viele Bürgermeister, Schöffen und Gemeinderäte zeigen, wie moderne Führung funktioniert – mit politischer Verantwortung, Respekt vor Fachkompetenz, Vertrauen und Handlungsspielraum für das Personal. 

Die von Innenminister Léon Gloden angestoßene Modernisierung des Gemeindegesetzes geht für die FGFC deshalb in die richtige Richtung. Einzelne Korrekturen reichen jedoch nicht. Gefragt ist ein Gesamtpaket für die Gemeinde von morgen: Gemeindegesetz, Personalrecht, Kompetenzverteilung, Personalstrukturen, Ausbildung, Digitalisierung und das Verhältnis zwischen Staat und Gemeinden müssen zusammengedacht werden. 

Eine solche Mammutaufgabe endet nicht zwangsläufig mit einer Legislaturperiode. Sie braucht einen breit getragenen Reformprozess – und eine Antwort auf die Frage: Wie viel Staat braucht die Gemeinde, und wie viel Staat verträgt sie? 

Die Linie könnte lauten: Gemeinsame Lösungen, wo sie Qualität, Rechtssicherheit und Effizienz schaffen – kommunale Freiheit, wo Nähe, Eigenverantwortung und lokale Besonderheiten zählen. 

 
 

Welche Gemeinde brauchen wir morgen? 

Damit verbunden ist eine weitere Grundsatzfrage: Welche Dienstleistungen muss jede Gemeinde garantieren – und welche sind optional? 

Finanzstarke Kommunen können mehr Personal beschäftigen, stärker investieren und zusätzliche Leistungen anbieten. Das ist Realität. Doch öffentliche Grundversorgung darf nicht allein von Budget oder Wohnort abhängen. Es muss deshalb geklärt werden, welche Leistungen künftig überall gewährleistet sein sollen – und wie sie organisiert und finanziert werden. 

Das führt zur Strukturfrage: Welche Rolle spielen künftig Gemeindefusionen – und was wird aus den betroffenen Gemeindesyndikaten? Viele Syndikate erfüllen unverzichtbare Aufgaben und werden somit nicht in Frage gestellt. Wenn Gemeinden jedoch größer werden oder fusionieren, muss aber auch geprüft werden dürfen, welche Strukturen – sprich gemeindeübergreifend bzw. gemeinsam geführte Syndikate – noch zeit- oder zweckmäßig sind und was mit Personal und Aufgaben geschieht, wenn Strukturen sich das entsprechende Gemeindegefüge verändert. 

Eine rote Linie zieht die FGFC dabei klar: Der Gemengedienst steht nicht zum Verkauf. Modernisierung darf kein Einfallstor für die Privatisierung öffentlicher Aufgaben werden. Gerade wer einen starken öffentlichen Gemeindesektor erhalten will, muss bereit sein, dessen Strukturen rechtzeitig zu hinterfragen. 

 

2026 wird zur Richtungsentscheidung 

Die FGFC hat ihre Forderungen formuliert: modernere Statusregeln, bessere Rekrutierung, eine eigene Berufsschule, professionelles Personalmanagement, eine gemeinsame digitale Grundausrichtung und zeitgemäße Arbeitsbedingungen. 

Am 22. September 2026 bestimmen die Mitglieder die neue Zusammensetzung des Comité directeur. Am 23. Oktober wählt dieses Gremium aus seiner Mitte die sieben Mitglieder des Bureau exécutif für die kommenden fünf Jahre. 

Auf sie warten keine einfachen Fragen: Wie viel Harmonisierung braucht der Gemeindesektor? Wie gewinnt und hält er Fachkräfte? Welche digitale Basis braucht er? Wie nutzt er KI, ohne unnötige Doppelstrukturen? Wie viel Staat und wie viel kommunale Autonomie sind richtig? Und welche Leistungen muss eine Gemeinde künftig garantieren? 

Vor allem aber: Welche gewerkschaftspolitischen Antworten, Dienstleistungen und Zukunftsvisionen muss sich eine FGFC geben, um den wachsenden Ansprüchen des Personals gerecht zu werden, seine Rechte wirkungsvoll zu verteidigen und seine Interessen auch in einem sich grundlegend wandelnden kommunalen Umfeld dauerhaft durchzusetzen?

 

Das Symposium: Die Zukunftsdebatte gehört in die Öffentlichkeit 

Am 23. Oktober bringt die FGFC diese Fragen bewusst in den öffentlichen Raum. 

Unter dem Leitmotiv „Staark Gemengen, Modern Verwaltung, Nei Realitéiten – Digital, Resilient, Biergerno“ organisiert sie im Rahmen ihres Symposiums im GRIDX in Wickrange eine Table ronde über die Zukunft des modernen öffentlichen Dienstes. Im Mittelpunkt stehen Digitalisierung und KI, resiliente Gemeinden, moderne Verwaltungsstrukturen, Bürgernähe und die Arbeitswelt des kommunalen Personals. 

Dass am selben Tag das neue Bureau exécutif gewählt wird, hat Symbolkraft: Während sich die neue Führung formiert, stellt die FGFC die Zukunftsfragen des Gemeindesektors öffentlich zur Diskussion. 

Denn Verantwortung einer Gewerkschaft bedeutet nicht nur, Forderungen zu stellen. Sie bedeutet auch, Debatten anzustoßen, unterschiedliche Positionen zusammenzubringen und nach lebbaren Lösungen zu suchen – mit Menschen, die Erfahrung besitzen, offen für Neues sind und auch einmal unkonventionell denken. 

Die Zeit dafür ist jetzt. Digitalisierung, KI, Fachkräftemangel und neue Verwaltungsmodelle entwickeln sich schneller, als Strukturen sich gewöhnlich verändern. 

Verpasst der Gemengedienst den Anschluss, droht aus technischer Verspätung ein struktureller Rückstand. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob er sich verändern wird – sondern ob er diese Veränderung selbst mitgestaltet. 

Dazu müssen heute die richtigen Fragen gestellt und auch unbequeme Debatten geführt werden. Danach braucht es den Mut, aus den Antworten Konsequenzen zu ziehen. 

Quo vadis, Gemengedienst? Die Debatte ist eröffnet.